Hallo Sascha, Pfälzer Weinschorle oder bayerisches Helles?
Sascha Hildmann: (lacht) Ich trinke zwar gerne mal ein Bier. Aber ich steige lieber auf Weinschorle um.
Du warst Trainer in Kaiserslautern. Wie erlebt man den Mythos Betzenberg, macht das etwas mit einem?
Hildmann: Natürlich. Als Trainer bist du ein Adrenalinjunkie. Als ich Trainer beim FCK war, hatten wir im DFB-Pokal gegen Mainz 50.000 im Stadion, Drittligist gegen Erstligist. Beim 2:0 habe ich gedacht, das Dach fliegt weg.
Kann man das mit dem Jahn vergleichen?
Hildmann: Ich finde es generell großartig, aus der Kabine raus ins Stadion zu gehen. Die Stimmung hier in Regensburg ist sehr, sehr gut. Einige Lieder kann ich auch schon mitsingen. Beim Pokalspiel in Weiden hatte ich eine Gänsehaut. Auch gegen Saarbrücken war eine super Stimmung. Ich hätte mir nur gewünscht, dass noch mehr da sind. In Regensburg gibt es das Potenzial, dass das Jahnstadion jedes Heimspiel mit 15.000 Zuschauern voll ist. Wenn du das schaffst, weißt du: Du hast gute Arbeit geleistet.
„Mir hat imponiert, dass hier solide gearbeitet wird“
Nach deiner Zeit in Münster, die sicherlich sehr intensiv war, hattest du ein Jahr Pause. Hast du die Zeit auch für Dinge außerhalb des Fußballs genutzt?
Hildmann: Die Entlassung in Münster hat mir schon sehr wehgetan. Nach fünfeinhalb Jahren mit dem Aufstieg bis in die zweite Liga wirst du drei Spieltage vor Schluss, nach einem 1:1 gegen Darmstadt, freigestellt. Ich konnte erstmal keinen Fußball sehen und bin eine Woche mit meiner Frau auf dem Hausboot weggefahren. Ich hatte zwar sofort eine Anfrage, aber ich hätte mich niemals zwei Wochen später an die Linie stellen können. Dafür habe ich mich zu lange und zu sehr mit Münster identifiziert. Ab Winter habe ich dann wieder Spiele geschaut und gemerkt: Jetzt hätte ich wieder Bock. Ich hatte drei sehr gute Anfragen. Aber dann kam der Jahn und hat mich am meisten abgeholt.
Warum?
Hildmann: Mir hat imponiert, dass hier solide gearbeitet wird. Damit kann ich mich identifizieren, weil ich mir im Fußball selbst alles erarbeitet habe. Deshalb habe ich das Angebot sofort angenommen. Der Jahn hat ein sehr gesundes Fundament. Das ist unfassbar viel wert. Andere Vereine haben immer wieder Skandale oder wirtschaftliche Probleme. Das gibt es hier nicht. Das muss man als Fan auch einmal wertschätzen.
Wie emotional wird das Spiel in Münster für dich werden?
Hildmann: Sehr. Ich glaube, dass sie mich gut empfangen werden. Aber das ist ja erst im April. Jetzt bin ich hier – und will möglichst genauso viel erreichen wie in Münster.
Ein Argument für Spieler, zum Jahn zu kommen, ist immer auch die schöne Stadt. Hast du dich hier gut eingelebt, vielleicht sogar schon einen Stamm-Italiener?
Hildmann: Ich wohne nicht weit von der Altstadt entfernt und man sieht mich dort öfter. Warum soll ich mich verstecken, wenn die Stadt wunderschön ist? Ich war schon ein paar Mal in verschiedenen Lokalen, aber einen Stamm-Italiener habe ich noch nicht.
Ist deine Familie auch mit nach Regensburg gekommen?
Hildmann: Meine Tochter lebt in Dresden und heiratet im Dezember. Meine Frau kommt meistens Donnerstag oder Freitag, weil sie noch arbeitet. Sie hat einen Job in der Tagespflege für alte Menschen, was ihr sehr Spaß macht. In Münster haben wir es genauso gemacht. Da wurden es dann fünfeinhalb Jahre und es hat wunderbar geklappt.
Hast du Austausch mit Jahnfans? Geht man in der Öffentlichkeit auf dich zu?
Hildmann: Ja, aber sehr zurückhaltend – was in Ordnung ist. Mich muss nicht jeder in den Arm nehmen.
Wäre das in Kaiserslautern anders?
Hildmann: Ganz anders. Kaiserslautern ist meine Stadt, da komme ich her und da kennt mich jeder. Als ich durch die Stadt ging, wurde ich angequatscht, warum der oder der Spieler nicht gespielt hat. Das war eine belastende Zeit, auch für meine Familie.
„Die Intensität steht über allem“
Hast du als Trainer Vorbilder, die dich geprägt haben?
Hildmann: Ich war 15 Jahre Profi und hatte harte Hunde als Trainer, die dich teilweise nicht gut behandelt haben. Ich wollte das immer anders machen. Dann habe ich in der Bezirksliga angefangen, mich immer mehr hochgearbeitet. Du entwickelst dich als Mensch und als Trainer weiter. Und am Ende hat es mit dem Fußballlehrer geklappt.
Wie würdest du deinen Wunschfußball in drei Worten beschreiben?
Hildmann: (überlegt) Offensiv, leidenschaftlich… und emotional.
Die Identität des Jahn bestand zuletzt immer aus hoher Intensität, Mut und Widerstandsfähigkeit. Das würde also passen.
Hildmann: Auf jeden Fall. Alex Schmalhofer und ich haben uns viel über Spielphilosophie unterhalten. Die Intensität steht über allem, die will ich immer sehen. Trotzdem musst du dir im Klaren sein, dass das nicht in jeder Spielphase gleich umgesetzt werden kann. Zum Beispiel, wenn du gegen Gegner spielst, die sehr gut am Ball sind und du nur hinterher läufst. Da muss man sich eben anpassen und das umsetzen, was am besten zur Spielsituation passt.
Passt du deinen Stil an den Verein an oder versuchst du, deinen Stempel aufzudrücken?
Hildmann: Ich will schon, dass man meine Handschrift sieht. Aber ich wäre nicht hier, wenn das nicht zum Verein passen würde.
Wie ist die Arbeit mit den jungen Spielern – willst du sie spielerisch verbessern oder auch menschlich prägen?
Hildmann: Beides. Du musst einerseits als Trainer die Persönlichkeitsentwicklung in den Vordergrund stellen, was ich früher bei meinen eigenen Trainern vermisst habe, aber andererseits natürlich auch technisch und taktisch weiterbilden. Du musst die Spieler als Menschen kennenlernen. Manche wollen weniger reden, andere wollen extrem viel Austausch – darauf musst du dich einstellen und zum Beispiel auch jemandem die Nicht-Nominierung für den Kader erklären.
„Was mir gefehlt hat, war das spielerische Element“
Nun zur sportlichen Situation beim Jahn: Du hast die Mannschaft schon in der vergangenen Saison übernommen und konntest Team und Umfeld kennenlernen. Wie war dein Eindruck?
Hildmann: Natürlich habe ich im Frühjahr eine gewisse Enttäuschung wahrgenommen, weil sich das Team nach dem Abstieg mehr vorgenommen hatte. Die Mannschaft selbst hat mich total abgeholt und war sehr lauffreudig. Was mir gefehlt hat, war das spielerische Element. Im Sommer haben wir versucht, technisch versierte Spieler zu holen, die mehr Eins-gegen-eins-Situationen lösen können. Das muss sich alles jetzt entwickeln, aber es wird von Woche zu Woche besser.
Ist es schwer, deine Vorstellungen mit einer Mannschaft umzusetzen, die vergangenes Jahr auf eine Dreierkette ausgerichtet war?
Hildmann: Überhaupt nicht. Die Spieler spielen das, was sie am liebsten spielen – nämlich Fußball. Diejenigen, die wir geholt haben, sind technisch und taktisch gut ausgebildet. Doch wir dürfen nicht vergessen: Es ist immer noch Fußball. An der Taktiktafel kann ich viel herumtüfteln. Auf dem Platz funktioniert nicht immer alles so wie in der Theorie.
In den ersten Pflichtspielen gab es immer wieder attraktive Phasen, wo man den Gegner kaum agieren ließ (Anm. d. Red: Das Interview wurde nach dem 2. Spieltag gegen Saarbrücken geführt). Bist du damit zufrieden?
Hildmann: Es gibt immer etwas, das man besser machen kann. Gegen Saarbrücken haben wir ein gutes Spiel gemacht, aber wir hätten einfach ein Tor schießen müssen. Ähnlich wie zum Beispiel in der Anfangsphase im Pokal gegen Weiden hatten wir aber auch Phasen, wo wir am Ende froh waren, dass wir diese schadlos überstanden haben. Das geht so nicht. Solche Phasen dürfen wir uns nicht erlauben. Du musst immer zu 100 Prozent da sein.
„Wir sezieren jedes Detail“
Wie schafft man es, die schlechteren Phasen wie in Weiden, die ersten Minuten in Köln oder die Schlussphase gegen Saarbrücken wegzubekommen?
Hildmann: Wir sensibilisieren die Spieler in der Analyse und sprechen auch viel mit ihnen. Für gewisse Spielphasen haben wir feste Prinzipien und klare Wenn-dann-Strategien festgelegt – damit wir wissen, was wir in den jeweiligen Situationen tun sollen. Aber dass du von Anfang an im Kopf da bist, ist eine psychologische Komponente. Das müssen wir besser hinkriegen.
Was ist dein Eindruck von den Neuzugängen?
Hildmann: Um nur zwei herauszugreifen: Nassim Boujellab hat fußballerisch ein sehr gutes Niveau, das uns auf jeden Fall auf eine andere Ebene hebt. Charakterlich ist er ein ganz feiner Kerl. Ein Musterprofi, genauso wie David Philipp. Super Fußballer, eher introvertiert und ein toller Mensch. Wir achten bei den Neuzugängen ja auch auf den Menschen und dass sie zu unserer Philosophie passen.
Kann man in der Analyse auch aus einem Pokalspiel gegen einen unterklassigen Gegner wie Weiden etwas rausholen?
Hildmann: Diese Mannschaften kann man wie jeden anderen Gegner individualtaktisch analysieren. Das sind reguläre Pflichtspiele in einem Wettbewerb. Wir hocken vor jedem Spiel in der Trainerkabine und diskutieren in langen Sitzungen die verschiedenen Situationen. Wir sezieren jedes Detail, zum Beispiel wie der Spieler steht oder welchen Fuß er benutzt. Das bekommt man als Außenstehender oft überhaupt nicht mit.
Marco Wörner ist gerade verletzt. Wie lange fehlt er uns noch?
Hildmann: Ohne Verletzung hätte er zum Saisonstart gegen Köln Startelf gespielt. Er fehlt uns auf jeden Fall. Marco ist ein eleganter Spieler mit viel Spielintelligenz, ein schlauer Ballklauer mit hoher Intensität beim Anlaufen. Ich hoffe, dass er demnächst wieder dabei ist.
„Einen fitten Florian Dietz kennt ihr ja gar nicht“
Ben Kieffer hat gegen Weiden von Beginn an gespielt. Könnte er auch mal in der Liga starten?
Hildmann: Ben hat starke Konkurrenz auf seiner Position. Das ist auch gewissermaßen das Problem der Innenverteidiger – im Zweifel wechselt man tendenziell eher offensiv ein. Ich sehe ihn übrigens nicht so sehr als Rechts-, sondern als Innenverteidiger. Da hat er seine Stärken und im Zweikampf eine hohe Geschwindigkeit. Außerdem darf man nicht vergessen: Der Junge hat mit 16 schon in der zweiten Bundesliga gespielt. Da ist die Erwartungshaltung an sich selbst unglaublich hoch. Er ist ein sehr ehrgeiziger Spieler Er ist jetzt gerade mal 18. Wir müssen ihm Zeit geben. Das ist ganz wichtig für seine Entwicklung. Wir haben einiges vor mit ihm in der Zukunft. Aber nicht zu schnell.
Auf die Talente aus der Jahnschmiede sind viele Fans stolz. Kann man für solche Spieler einen langfristigen Plan aufstellen oder ist das zu unvorhersehbar?
Hildmann: Nur mal ein Beispiel: Während Saarbrücken zuletzt Vasiliadis, Brünker und Rizzuto eingewechselt hat, haben wir Seibold und Dizdarevic eingewechselt. Das sind 600 Drittligaspiele gegen zwei. Mir macht das Spaß, ich gehe den Weg mit. Und es kann immer Unvorhergesehenes passieren, dass sich Stammspieler verletzen und du musst die Jungen reinwerfen. Wichtig ist für die Jungs Spielpraxis, die sie sich auch in der U21 holen können.
Wie geht es Florian Dietz? Er wird ja leider immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen.
Hildmann: Einen fitten Florian Dietz kennt ihr ja gar nicht. Ich kenne ihn, in der Regionalliga bei Köln II hat er damals alles kaputtgeschossen. Bei ihm war es so, dass man Long Covid festgestellt hat, was lange unentdeckt geblieben ist – er hatte katastrophale Werte. Flo ist sehr fleißig und tut sehr viel dafür, um wieder voll fit zu werden. Wir wollten die Probleme zuletzt öffentlich machen, weil er immer sehr kritisch beäugt wurde und durchaus auch persönlich angegangen wurde. In der Mannschaft hat er aber ein sehr gutes Standing, die halten alle zu ihm.
Was wäre aus deiner Sicht eine erfolgreiche Endplatzierung?
Hildmann: Da will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Das Ziel ist erstmal, sich zu stabilisieren und anzukommen. Aber wir wollen alle erfolgreich sein. Vergesst nicht: Die Saison ist sehr lang. Eine Tabellenplatzierung im Winter oder zum jetzigen Zeitpunkt sagen noch gar nichts aus. Entscheidend sind dann vor allem die Monate Februar, März und April. Aber die Vorrunde ist immer auch dazu da, Lehren zu ziehen und sich zu entwickeln.
Danke für das Gespräch!




