Eric Hottmann im Interview: “Es wird nie ganz so sein wie vorher”

Als Ersatz von Joel Zwarts kam Eric Hottmann an die Donau. Nach Mut machenden Leistungen, verletzte sich der Wandstürmer schwer. Wie geht es dir heute, Eric? (Foto: Sebastian Widmann/Getty Images for DFB)

Mit den Relegationsspielen und anderen privaten wie journalistischen Verpflichtungen verzögerte sich das Interview etwas, aber aufgrund der Zeitlosigkeit des Themas ist es dennoch interessant. Viel Spaß mit dem Interview! (Anmerkung der Redaktion; Mitarbeit: Süß, Flo1889fm, Leander Hübner)

Hallo Eric! Zuallererst: Wie geht es dir aktuell?

Ich bin aktuell auf einen sehr guten Weg. Ich wäre natürlich lieber wieder fit und schon einsatzbereit, aber ich bin auf besten Wege, wieder zu alter Stärke zu kommen.

Wie wohl fühlst du dich mittlerweile beim Jahn?

Sehr wohl. Ich könnte mir vorstellen hier länger zu bleiben, die Stadt gefällt mir sehr gut. Da kann man sich nicht beschweren.

Nach einem einjährigen Aufenthalt in Cottbus bist du zu uns an die Donau gekommen. Wie sehr freut es dich, jetzt schon um den Aufstieg mitspielen zu können? Dein ehemaliger Verein ist ja auch gut dabei (Anmerkung: Das Interview wurde vor dem Aufstieg des FC Energie Cottbus als Meister der Regionalliga Nordost geführt)?

Für Cottbus freue ich mich, dass sie es eventuell schaffen könnten. Der Verein hätte es definitiv verdient. Ich bin dem Verein immer noch sehr dankbar, da ich dort auch eine gute Zeit hatte – ganz besonders für die vielen ehemaligen Mannschaftskollegen freut es mich und ich habe Respekt vor der Leistung des Trainerteams freut es mich. Bei uns kann ich auch nur sagen – es gibt nichts Schöneres als aufzusteigen. Das ist der Traum von jedem Fußballer in der Liga, irgendwann auch mal aufzusteigen – und wir sind ja auch auf einem guten Weg.

Zurück zu deiner Verletzung – weißt du noch wie du dir deine Verletzung zugezogen hast?

Ja, leider kann ich mich daran noch sehr gut erinnern. Am Dienstag im Spielersatztraining im 5-gegen-5 beim letzten Durchgang bin ich über einen Torwart gesprungen, weil ich den Ball an ihm vorbei legen wollte. Der Torwart hat aber er leicht die Richtung des Balles verändert. Deshalb musste ich über seine Arme springen. Ich bin dann eigentlich auch gut gelandet, aber beim Wegdrücken vom Boden, bin ich dann mit dem Knie nach innen weggeknickt. Ich konnte nicht einen Schritt mehr machen, bin sofort zu Boden gegangen und hatte auch sofort das Gefühl – das wird was Schlimmeres. Das ist zwar meine erste größere Verletzung, aber du merkst das sofort, wenn etwas nicht stimmt. Man hat es wohl auch “schnalzen” hören. Da war es leider schnell klar, dass das was Größeres ist.

Die Bilanz in Deutschland: 149 männliche Spieler verletzten sich 157-mal am vorderen Kreuzband, was einer Verletzungsrate von 0,43 Verletzungen pro Team und Saison entspricht. Im Spiel traten VKB-Verletzungen 20-mal häufiger auf als im Training

DFB zu Verletzungen am Kreuzband

Inwiefern hat auch die längere Pause im Sommer ohne Mannschaftstraining bei der Verletzung eine Rolle gespielt?

Mir hatte im Sommer länger ein klassisches Mannschaftstraining gefehlt. Immerhin konnte ich mich vor der Saison bei der SG Sonnenhof-Großaspach fithalten, was mir schon sehr geholfen hat. Deswegen kam ich immerhin nicht ganz unfit beim Jahn an. Aber die richtige Fitness holst du dir nur über Spiele an sich und das war bei Sonnenhof Großaspach nicht möglich. Natürlich hätte ich dort Testspiele bestreiten dürfen, aber das wollte ich nicht, da ich in der Öffentlichkeit keine Spiele für ein Team bestreiten wollte, wo ich nicht unter Vertrag stehe. Spielpraxis fehlte mir daher und bis du so etwas aufholst, dauert es dann schon ein wenig. In einem Spiel hast Du ja beispielsweise viel mehr intensive Läufe und Bewegungen als im Training, das musst du eben aufbauen. Da ich auch nicht gleich Stammspieler war, dauerte es eben. Als wir dann gegen Ulm unser Spiel hatten, war ich schon zwei Monate im Training und war in den Zeitraum dann auch endlich bereit für längere Einsätze.

An welche erste Maßnahmen konntest du dich erinnern, als das mit deiner Verletzung passiert ist?

Leider kann man da im ersten Moment nicht mal so viel machen. Unsere beiden Physios, die bei jedem Training immer vor Ort sind, haben gleich mit Druckverband und Eiskoffer gekühlt. So
unterbindest du, dass gleich zu viel Blut rein schießt und das Knie zu dick wird. Nachdem das erledigt war, sind wir auch sofort in die Kabine und ab zum Arzt. Beim Arzt wurde gleich der “Schubladentest” gemacht, um zu sehen, ob noch Stabilität im Knie war, das war leider nicht gegeben. So konnte relativ schnell festgestellt werden, dass mindestens das Kreuzband verletzt ist. Am Tag darauf beim MRT hatten wir dann Gewissheit, dass das vordere Kreuzband sowie Außenband und Außenmeniskus kaputt waren.

Nach der ersten Diagnose: Was hat dich am meisten beschäftigt?

Die ersten Tage wurmte es mich schon sehr, weil mir bis dahin immer alle Ärzte einen sehr “stabilen” Zustand zusicherten. Daher dachte ich mir immer, dass es mich mit solchen Verletzungen nie erwischen könnte. Es kam mir ein wenig unbegreiflich vor, dass gerade so etwas mal mir passieren konnte – allein schon deshalb, weil bei der Bewegung, die zur Verletzung führte, mir nicht wie eine extreme Belastung für das Knie vorkam. Ich ärgerte mich sehr, weil mir das ganze einfach richtig unnötig vorkam. Es fühlte sich einfach scheiße an, so deutlich muss man es sagen. Das hätte einfach nicht sein müssen, da es auch im Training war, bei dem es ja auch um nichts so wirklich ging und kurz vor Ende der Einheit war. Natürlich stellt man sich auch die Frage nach dem “Warum”, aber dennoch war ich nie traurig oder zu sehr niedergeschlagen. Kurz nach dem MRT schaute ich auch schon nach vorne, um mich gleich um Themen wie einem Operateur und die darauffolgende Reha zu kümmern.

Es kam mir ein wenig unbegreiflich vor, dass gerade so etwas mal mir passieren konnte…

Eric Hottmann über die erneute Verletzung

Denkst du, dass das persönliche Umfeld für einen Spieler in so einen Moment extrem wichtig ist und auch helfen kann?

Ich denke von mir persönlich, dass ich mental relativ stark bin. Dennoch war ich sehr froh, dass meine Freundin in der Zeit für mich da war und sie mich auch einfach bei alltäglichen Dingen unterstützen konnte. Gerade bei der Verletzung bist du anfangs ja auch ein wenig auf Hilfe angewiesen, da du so gut wie nichts alleine machen kannst ohne Krücken. Da bin ich ihr schon sehr dankbar, da sie ja auch nebenbei noch in den finalen Zügen an ihrer Bachelorarbeit geschrieben hatte. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass das schlimm ist, wenn man komplett alleine durch so etwas muss. Gesellschaft ist gerade bei so einer Verletzung sehr wichtig.

Wie stehst du zu Schmerzmitteln?

Ich bin da eher vorsichtig, kommt aber auch auf die Verletzung an. Bei einer muskulären Verletzung beispielsweise riskiert man Schlimmeres wie Faserrisse, Bündelrisse oder ähnliches, wenn man es übertreibt. Ich will aber auch meine Grenzen bei Verletzungen finden. Bei einem Knochenbruch würde ich aber beispielsweise Schmerzmittel nehmen, da kann ja nicht mehr kaputt gehen. (lacht)

Während deiner Verletzung kam ja leider auch der Todesfall von Agy Diawusie dazu. Würdest du sagen das zusammen war dann eine schwere mentale Last auch für dich?

Es war extrem hart, das kann man gar nicht wirklich fassen. Man kann das gar nicht in Worten beschreiben, wie sich so etwas anfühlt, gerade wenn es so unerwartet kommt. In Bezug auf meine Verletzung hat es mir aber auch gezeigt, dass so ein kaputtes Knie auch erst mal egal sein kann, da es so viel Wichtigeres im Leben gibt. Gerade als Team haben wir uns dann aber auch gegenseitig Halt gegeben, indem wir Zeit miteinander verbracht haben und auch einfach füreinander da waren. Die Verletzung habe ich deutlich besser verkraftet, selbst am Tag der Verletzung war mir noch nicht das Lachen vergangen. Aber bei so etwas wie Agy, da musst du einfach in Gesellschaft sein. So etwas kann dich auch von innen ein bisschen auffressen, wenn du damit allein gelassen wirst.

Hast du Angst davor, dass die Verletzung wieder kommen könnte?

Angst würde ich es nicht direkt nennen, aber definitiv habe ich großen Respekt davor. Gerade bei meinemn aktuellen Heilungsverlauf kommt man immer wieder in Versuchung, da ich doch relativ “schnell” im Heilungsverlauf bin. Egal wie stabil du bist, egal wie muskulös deine Beine sind, das Kreuzband muss erst mal wieder richtig zusammen wachsen und braucht eben seine Zeit. Da hat man dann schon großen Respekt, weil ja doch immer wieder die Verletzung aufbrechen könnte. Ob morgen oder vielleicht sogar erst in 11 Monaten, wie es bei Erik Tallig der Fall ist. Dennoch versuche ich wieder nach vorne zu blicken und mit Vollgas wieder in Training und die Spiele zu gehen. Denn wenn ich das nicht mehr kann – dann brauch ich den Fußball nicht mehr spielen, den ich bisher gespielt habe.

Geht dir hin und wieder was durch den Kopf, wenn das Knie dann mal zwickt?

Es wird nie ganz so sein wie vorher. Es wird sich immer ein wenig anders anfühlen wie das gesunde Knie, aber es wird fest und stabil genug sein, dass ich wieder richtig angreifen kann. Von meinen Topspeed her bin ich auch fast wieder auf dem alten Niveau, daher mache ich mir keine so großen Gedanken. Es ist auch einfach normal, dass das sich im Knie jetzt immer anders anfühlen wird, allein schon, weil die Struktur im Knie verändert wurde. Man lernt aber, damit umzugehen und dann sollte das auch kein Problem mehr sein.

Wie sieht der Alltag in der Reha aus?

Die Tage richten sich immer nach den Zeiten der Physiotherapeuten, meist war meine erste Behandlung zwischen 7 und 9 Uhr und anschließend Rehatraining. Daraufhin folgt eine weitere, quasi “doppelte” Behandlung mit Bewegungsbad und Faszienbehandlung. Insgesamt dauert so ein Tag um die 9 Stunden. Diese 3 Monate in der Reha haben mir insgesamt sehr gut getan und auch dafür gesorgt, dass ich so früh wieder auf dem Platz sein kann.

Hast du dich auch mit Oscar Schönfelder ausgetauscht, der ja ebenfalls in der Reha war?

Ich habe mich auf jeden Fall mit ihm ausgetauscht, zum Beispiel über Ärzte oder was man gerade in der Anfangszeit machen kann, da hat er mir schon sehr geholfen

Hat sich der Kontakt zur Mannschaft eingeschränkt?

Ja schon etwas. Ich war ja 3 Monate in der Reha, sodass ich höchstens alle 2 Wochen für ca. 30 Minuten vorbeischauen konnte. Natürlich hat man auch neben dem Platz mit dem ein oder anderen Kontakt, aber es ist definitiv nicht das Gleiche. Meine Mitspieler haben mich auch immer wieder aufgebaut, deswegen habe ich mich nicht alleine gelassen gefühlt.

Unterscheidet sich deine Behandlung von der eines “Nicht-Leistungssportlers?”

Zunächst wurden erstmal ganz alltägliche Dinge angegangen, wie das Drehen oder Strecken des Beines. In der Physiotherapie wurde auch daran gearbeitet, die Schwellung zu lindern und die Beweglichkeit wieder zu verbessern.

Ist es dir schwer gefallen, zu einem “fremden” Physio zu gehen oder wie lief das ab ?

Die ersten 6 Wochen war ich bei unserem Physio Tobias Rutzinger, der hat mir schon viel geholfen, sodass ich auch nach einer Woche wieder mein Bein konnte.

Merkt man als Spieler sehr, wenn man einen Fitnessrückstand hat?

Das ist natürlich nicht so schlimm, wenn man einmal wegen einer Grippe zwei Wochen außer Gefecht gesetzt ist. Da bist du nach zwei Tagen spätestens eigentlich wieder voll im Saft. Aber wenn man jetzt auf meine Situation auch in Zusammenhang mit der Pause im Sommer blickt, war das natürlich ein wenig anders. Ich hatte durchaus einen komplizierten Sommer mit Cottbus, da wir ja noch Relegation spielten und alles deswegen sehr weit nach hinten gezogen wurde. Die Entscheidung mit dem Jahn kam ja dann auch dementsprechend spät, da die erste Transferwelle schon “abgearbeitet” war. Der Markt wird dann nicht gerade einfacher und ich war gut 2 Monate arbeitslos. In meinem Fall habe ich es also in den ersten Spielen definitiv gemerkt, dass mir im Bezug auf die Ausdauer die Spielpraxis gefehlt hat.

Wie groß ist der Druck, nach einer Verletzung möglichst schnell wieder auf den Platz zu kommen?

Der Druck ist schon groß, da eine Verletzung auch die Karriere beeinflussen kann. Dementsprechend froh bin ich, dass meine Situation etwas “entspannter” ist und ich nichts überstürze. Natürlich möchte man schnellstmöglich wieder auf den Platz zurückkehren, darf aber nicht zu schnell vorgehen, sonst ist die Gefahr groß, sich nochmal zu verletzen.

Wie sah dein Alltag aus, man konnte dich ja auch öfter am Jahnstadion sehen?

Bei Heimspielen war ich eigentlich immer da, um die Jungs zu unterstützen oder auch (mediale) Termine wahrzunehmen.

Wann kann man dich ungefähr wieder am Platz erwarten?

Die Prognose ist aktuell ca. 6 Wochen, also zur Saisonvorbereitung, wenn der Leistungstest und das MRT gut ausfallen.

Was würdest du einem Sportler mitgeben, der ebenfalls mit einer langen Verletzung zu kämpfen hat?

Zunächst einmal, dass es auch Schlimmeres gibt und dass man es schaffen wird, wieder fit zu werden. Es gibt gute Rehas und Behandlungsmöglichkeiten, sodass Verletzungen heute schneller behandelbar sind als früher. Auch sollte man versuchen, einfachen positiv zu bleiben, dadurch erspart man sich viele Sorgen.

Bist du geduldig oder muss man dich da auch manchmal einbremsen?

Ich versuche geduldig zu sein, aber mittlerweile geht es mir schon viel besser, sodass es für mich teils schwierig ist (lacht).

Hilft es dir im Spiel, dass du ein starker Kopfballspieler bist?

Es hilft mir schon sehr, aber ich bin darauf nicht limitiert und bin auch gerne spielerisch involviert.

Im Pressing muss man sehr viel tun als Stürmer? Ist das körperlich und mental herausfordernd?

Natürlich nimmt man das als Profi an, man hat ja gerade in der Hinrunde gesehen, wie effektiv es sein kann, auch wenn es natürlich körperlich sehr anstrengend ist.

Joe Enochs ist dahingehend ja auch ein guter Motivator, oder?

Ja, auf jeden Fall.

Danke, wir sehen uns zur neuen Saison!