Torwart-Diskussion: Ein Wechsel im Tor – sinnvoll oder unnötig?

„Ein Torhüter muss Ruhe ausstrahlen. Er muss aber aufpassen, dass er dabei nicht einschläft ...“, sagte einst Sepp Maier über den Torhüter-Job. Maier hat recht, wenn der Torwart keine Ruhe ausstrahlt, dann bricht Chaos aus. Dieses Phänomen konnte man auch beim SSV Jahn in der Hinrunde erkennen: Erst passiert wenig, aber dann kommt aus dem Nichts ein Angriff des Gegners und sofort strahlt die Defensive sowie der Torwart Unruhe und Nervosität aus und als Folge passieren Fehler. Aufgrund gewisser Patzer steht Dejan Stojanovic in der Kritik, aber würde ein Torwart-Wechsel überhaupt etwas bringen?

Der Torwart ist immer der Depp

Streitigkeiten zu Tohütern gab es schon, seitdem es Fußball gibt. Vom Bolzplatz hinter der Kirche bis ins Champions League-Finale, immer ist der Mann im Kasten der Schuldige. Richtet man den Blick in den Profifußball, dann wird ein Stammkeeper aus dem Tor genommen, wenn der Trainer unter Druck steht und neue Impulse setzen muss. Beim Jahn ist es glücklicherweise (noch) nicht so weit, trotzdem steht Dejan Stojanovic in der Öffentlichkeit stark unter Kritik. Stojanovic machte gegen Magedeburg (0:1) den entscheidenden Fehler und auch im Pokal gegen Düsseldorf (0:3) rutschte ihm ein Ball durch die Hände.

In den letzten Jahren konnte der SSV Jahn einige Torhüter entwickeln. Und obwohl sie anfangs Kopfzerbrechen bereitet haben, wurden sie unangefochtene Schlüsselspieler in Regensburg und konnten einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter machen, aber wird es bei Dejan auch so laufen? Die Statistiken sprechen für den Österreicher, denn er steht fast in allen Bereichen im oberen Mittelfeld der 2. Bundesliga, allerdings lässt die Konstanz zu Wünschen übrig, weshalb er aktuell Druck verspürt.

Die Rolle des Torwarttrainers

„Ein Torwarttrainer hat die Aufgabe, den Cheftrainer bei seinem Bauchgefühl mit einer Analyse der bisherigen Spiele und der Trainingsleistungen der beiden Torhüter beratend zu unterstützen. Je mehr der Torwarttrainer im Torwartkonzept des Vereins verankert ist und eine positive Arbeitsbasis zwischen Chef- und Torwarttrainer herrscht, umso mehr kann sich der Torwarttrainer auch offensiver in den Entscheidungsprozess einbringen und seine Argumente darlegen“, sprach Thomas Schlieck,Torwartbereich-Koordinator bei RaBa Leipzig, gegenüber Torwart.de. Er betont das Konfliktpotenzial, das eine solche Entscheidung herbeirufen kann, denn es ist auch eine Machtfrage innerhalb des Trainerteams, da sich die Frage stellt, wer diese wichtige Entscheidung fällen darf. Auch im Trainerteam vom Jahn gab es in der Vergangenheit Unstimmigkeiten, welche einem ehemaligen Mitglied des Teams den Job gekostet haben. Wird es auch in dieser Thematik Unstimmigkeiten geben? Man kann nur spekulieren, aber eins ist klar, auch die Torwart-Angelegenheit wird intern ein Thema sein.

„Deswegen ist der Torwart für mich heutzutage ja auch eher ein Torspieler. Er bekommt einen Rückpass und leitet den Ball weiter als ein Feldspieler. Er verlagert das Spiel um 20, 30 Meter. Und richtig modern wird es dann, wenn der Torspieler außerhalb des Strafraums so eine Art Innenverteidigerposition übernimmt. Er bietet sich an wie ein Feldspieler und schickt die Abwehrspieler weiter nach vorne, um im Mittelfeld eine Überzahlsituation zu schaffen“, sagte Jahn-Torwarttrainer Marco Langner dem Weser-Kurier zum modernen Torwartspiel. Diese moderne Spielweise liegt Stojanovic nicht wirklich, da er zum aktuellen Zeitpunkt einige Unsicherheiten im Spielaufbau besitzt, allerdings hatten wie oben erwähnt auch seine Vorgänger einige Defizite in diesem Bereich und konnten diese im Laufe der Zeit bestmöglich ausbügeln. Auf Langner kommt es nun an, wie sich der Stammkeeper in diesen Bereichen verbessern kann und auch er ist es, der eine entscheidende Rolle in dieser Diskussion spielt, da er am Ende seine Torhüter am besten kennt und eventuell das letzte Wort in dieser Frage haben könnte.“

Mannschaften gewinnen Spiele, Torhüter entscheiden sie

Wenn ich in dieser Saison ein Sinnbild für Inkonstanz suchen müsste, dann wäre es der SSV Jahn. Ein Spiel spielt man Aufsteiger und am nächsten Wochenende wieder wie ein Absteiger. So läuft es auch bei Dejan: erst in großartiger Form, aber danach fehleranfällig sowie unsicher, man ist eben in allen Bereichen konstant inkonstant. Als Mannschaft kannst du Spiele als Einheit gewinnen, aber als Torspieler kannst du sie alleine entscheiden, denn am Ende spielt er die Schlüsselrolle, ob es 0:1 oder 0:0 steht. In Magdeburg redet an einem normalen Tag niemand mehr über diese Partie, aber nach einem Patzer von Stojanovic verlor man diese wichtige Partie. Kurz davor war es aber er, der uns in die 2. Pokalrunde brachte, wo er aber erneut einige Unsicherheiten zeigte. Über die lange Winterpause hatte man Zeit, sich gemeinsam auf die kommenden Aufgaben vorbereiten zu können, dazu konnte man einige Einheiten zur Verbesserung von Automatismen und der Konstanz einbauen, die normalerweise keinen Platz gehabt hätten,

Endlich Konkurrenzkampf!

Alexander Meyer, Thorsten Kirschbaum und Dejan Stojanovic im Vergleich

Vorab: Um einen ordentlichen Vergleich aufzustellen, habe ich bei Alex Meyer die letzte Saison für die Gegenüberstellung verwendet. Meyer wollte ich miteinbeziehen, da er in den letzten Jahren eine großartige Entwicklung hingelegt hat und Stojanovic sein Nachfolger im Tor ist. Alex Weidinger habe ich herausgenommen, da es aufgrund der wenigen Spielzeit nur sehr wenige Daten gibt, dazu ist ein Abgang sehr wahrscheinlich. Für Jonas Urbig findet man zum aktuellen Zeitpunkt ebenfalls keine Statistiken.

Im Dreiervergleich hat Stojanovic in einem Spiel circa 1,5 Gegentore hinnehmen müssen, Alex Meyer 1,4 und Kirsche 3,0. Auch bei der Fang-Quote nehmen sich Dejan (70,6 %) und Alex Meyer (68 %) nicht viel ab und erneut liegt Thorsten Kirschbaum mit nur 44 % am Ende. Somit halten Stojanovic und Meyer von zehn Schüssen auf das Tor rund sieben Bälle, während Kirschbaum nur vier Bälle abwehren kann. Im Bereich Spielaufbau liegt allerdings das Torwart-Duo aus der Saison 2021/2022 mit einer Passquote von 70 % vorne, da der aktuelle Stammkeeper nur eine Quote von 56 % aufweist, dazu spielten Meyer und Kirschbaum (37) durchschnittlich mehr Pässe pro Spiel als Stojanovic (29).

Es zeigt sich ein eindeutiges Bild: Stojanovic und Meyer stehen „auf der Linie“ in etwa auf einem Level, allerdings setzt sich der Borusse insbesondere im Spielaufbau vom Mazedonier ab. Kirschbaum ist abgeschlagen hinter den anderen beiden, dennoch muss man unterstreichen, dass er seine Sache als Motivator und Ersatzkeeper sehr gut macht, aber den Konkurrenzkampf kann er somit nicht wirklich verstärken.

Foto: Thomas Süß

Urbi(g) et orbi

Nun kommen wir zu dem Talent, welches das Konkurrenzverhältnis im Torwartteam für 1,5 Jahre erhöhen soll. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob dies ein so junger Spieler überhaupt kann? Die Verantwortlichen beantworten diese Frage selbstverständlich mit Ja, allerdings kann man davon ausgehen, dass auch Urbig vorerst Eingewöhnungszeit in Regensburg benötigt, bevor er seine Klasse auf den Platz bringen kann. In der anderen Domstadt halten sie auf jeden Fall große Worte auf Urbig und sehen in dem Jugendnationalmannschaftstorwart einen zukünftigen Stammspieler. Im Testspiel gegen den FC Kapfenberg (1:0) konnte er mit seiner Sicherheit, der Ruhe im Spielaufbau und mit starken Reflexen überzeugen, deswegen wird ein Debüt gegen die Lilien aufgrund der Verletzung von Dejan Stojanovic immer wahrscheinlicher. Da er schon mehrere Spiele in den Jugendmannschaften des DFBs absolvieren durfte, kann man den 19-Jährigen eventuell bei guten Leistungen nicht nur mit dem Jahn-Trikot sehen, sondern auch wieder mit dem Adler auf der Brust.

Meinung: Totgesagte leben länger

Im Sommer waren wir uns alle einig: Es braucht eine neue Nummer 1. Als am 27.05. dann Stojanovic vorgestellt wurde, konnte man sich erstmal freuen, denn seine Vita schaut auf den ersten Blick sehr gut aus. UEFA Europa League, Championship, Serie A, Super League, aber nun Regensburg? Ja, er hatte es geschafft und war schon auf dem Weg ein solider Torhüter in Bologna zu werden, allerdings folgte dann eine erfolglose Leihe nach der anderen bis er schließlich in der Domstadt landete. Eigentlich war er zwar nie ganz enttäuschend, aber auch nie herausstechend.

Nach der Verpflichtung von Jonas Urbig ist sein Stammplatz auf jeden Fall keine Selbstverständlichkeit mehr. Auch wenn die Verantwortlichen es beharrlich verneinen, kann es jederzeit einen Tausch im Tor geben, da man sonst keinen so ambitionierten Torhüter geholt hätte. Doch wir wissen es alle: Totgesagte leben länger. Seine Leidenschaft und Führungsqualität kann man ihm auch bei den eher weniger erfolgreichen Stationen nicht absprechen, so auch hier. Stojanovic wird alles tun, damit er den Platz im Tor behält und sich denken: „Ihr holt einen Ersatz? Jetzt zeige ich es euch recht!“.

Der Kampf ist eröffnet, die Boxkampf-Glocke läutet und es wird sich in den nächsten Wochen herausstellen, wer das Duell gewinnen kann.


Wir bedanken uns bei @jogatzka für die Bereitstellung von Fotos!

Maximilian Aichinger