Tobias Werner: Vom Flügelflitzer zum Sportdirektor

Tobias Werner ist nach seinem Wechsel von Carl-Zeiss Jena nach Regensburg zum Gesprächsthema bei beiden Traditionsvereinen geworden. Doch wer ist dieser Ex-Profi, welcher nun auf einmal in eine Führungspostion beim Jahn rückt?

Dienstagmittag, kurz nach 13 Uhr. Ich sitze auf dem Weg nach Hause im Bus, lese den „Kicker“ und höre nebenbei Musik, eigentlich wie immer, doch mein Handy leuchtet auf: „Tobias Werner wird Geschäftsführer Sport bei Jahn Regensburg“. Diese Verpflichtung war für mich eine riesige Überraschung, auch wenn es eigentlich klar war, dass es ein eher unbeschriebenes Blatt wird. Tobias Werner kennt man natürlich noch aus seiner Zeit als Profifußballer, aber über seine neue Aufgabe als Sportdirektor hat man nur wenig mitbekommen, deswegen bedarf es einen genaueren Blick auf seine Zeit in Jena, um zu verstehen, wer er ist und was ihn ausmacht.

Back to the roots

Werner wechselte 1998 vom Sportverein Gera zu Carl-Zeiss Jena, durchlief dort die U17 sowie die U19 und durfte dort Junioren-Bundesliga und später Regionalliga sowie 2. Bundesliga spielen. Das Talent wurde mit 18 Jahren in die 1. Mannschaft von Carl-Zeiss hochgezogen und durfte dort erste Erfahrungen im professionellen Fußball sammeln. Kurz nach seiner Beförderung gab er im DFB-Pokal sein Debüt, überzeugte und formierte zu einer wichtigen Säule im Team von Heiko Weber. „Tobias Werner war mein Lieblingsspieler“, erklärte Weber letztens in einem Interview mit der Boulevardzeitung „Bild“ über seinen ehemaligen Schützling. Schon 2007 lobte der Trainer den Flügelflitzer: „Vor allem Felix Holzner, Toni Wachsmuth, Tobias Werner und Ralf Schmidt, die ich vier Jahre lang betreute. Ehrgeizig und lebensfroh, gepaart mit Anstand und Respekt – die machen ihren Weg. Ich verfolge das gespannt, bin ja nicht aus der Welt. Und mal sehen, vielleicht bin ich in sieben, acht Jahren in Jena wieder im Gespräch“. Diese Worte zeigen auf, welche Führungsqualitäten Tobi Werner schon als Spieler in Jena bewiesen haben muss. Nach 5 Jahren in Thüringen und 141 Einsätzen für Jena verabschiedete er sich 2008 nach Augsburg.

Zur Legende geworden

Tobias Werner war in seiner Zeit als Spieler sehr beliebt in Jena und galt als vielversprechendes Talent, schließlich absolvierte er in 4 Jahren rund 141 Spiele für den FCC. Die Zeit war aber im Sommer 2008 gekommen, er wollte seine Heimat verlassen. Carl-Zeiss war gerade abgestiegen, aber Werner wollte in Liga 2 bleiben und wechselte, obwohl es wohl noch andere Interessenten gab, zum FC Augsburg.

Der FCA steckte ebenfalls in der Saison 07/08 im Abstiegskampf, dennoch wollte er in die Fuggerstadt. Jene Entscheidung sollte sich im Nachhinein als Glücksgriff für beide Parteien herausstellen. „Die Bun­des­liga hatte ich damals schon im Blick. Sie war die erklärte Vision unseres dama­ligen Mana­gers Andreas Rettig, und das war ein ent­schei­dender Grund für mich, nach Augs­burg zu wech­seln. Rettig hat mir gesagt, der Verein werde sich enorm gut ent­wi­ckeln, man wolle so schnell wie mög­lich in die Bun­des­liga. Das hat mich gereizt“, sprach der Flügelflitzer über seinen damaligen Schritt nach Bayern.

Die erste Saison bei seinem neuen Verein war solide, er verpasste nur 2 Spiele, trug sich 13-Mal in die Scorerliste ein und man konnte sich den Klassenerhalt sichern, aber man strebte nach Höheren. In der darauffolgenden Saison war alles angerichtet für den endgültigen Durchbruch für Tobias Werner, eigentlich … erst sitzt er nur auf der Bank, danach verletzt er sich schwer am Sprunggelenk, kämpft sich zurück, um dann wieder nur hauptsächlich als Ersatzspieler zu agieren. Die Fuggerstädter konnten sich hingegen eine fast perfekte Spielzeit nicht veredeln, da man in der Aufstiegs-Relegation gegen Nürnberg verlor und im Pokal-Halbfinale gegen Werder Bremen ausschied.

Tobias Werner wollte sich in die Stammelf von Jos Luhukay zurückkämpfen und seine Mannschaft in die Bundesliga führen. Sein Vorhaben war geglückt, er absolvierte 24 Spiele in der Saison 10/11 und packte mit dem FCA den Aufstieg in die höchste Spielklasse. In der darauffolgenden Saison gab es natürlich nur ein Ziel, den Klassenerhalt. Es verlief für Werner und sein Team wieder alles nach Plan, der Linksaußen etablierte sich als Stammspieler und man konnte sich mit 38 Punkten und Platz 14 den Verbleib in Liga 1 sichern. Das „Abenteuer Bundesliga“ ging weiter. Für Werner war die Spitze des Eisbergs noch nicht ansatzweise erreicht, schließlich war auch in den nächsten drei Saisons unangefochtener Schlüsselspieler und durfte in der Saison 15/16 im Europapokal auflaufen. Am Ende der Saison erzählt er der 11Freunde über den Einzug in die Europa League: „Europa ist natür­lich Neu­land für uns, aber wir haben einen guten, breiten Kader, und der Trainer wird sich schon etwas ein­fallen lassen, wie wir die Dop­pel­be­las­tung auf­fangen können. Man darf auch da nicht immer nur an die Mann­schaften erin­nern, die in Schwie­rig­keiten geraten sind. Wenn ich an Wolfs­burg und Glad­bach denke, die trotz der Dop­pel­be­las­tung dieses Jahr auf Platz Zwei und Drei gelandet sind, bin ich doch recht zuver­sicht­lich. Natür­lich haben die einen nomi­nell bes­seren Kader, aber wir haben diese Saison beide geschlagen. Es gibt keinen Spieler bei uns, der Angst, vor der Europa League hat oder der sich nicht darauf freut.“ Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, er wird aufgrund einer Schambeinentzündung, muskulärer Probleme und eines Trainingsrückstands nur 19 Spiele absolvieren können und bereits nächste Spielzeit nicht mehr für den FC Augsburg auflaufen.

„Ich werde den FC Augsburg vorübergehend verlassen, denn es ist mein persönlicher Wunsch, noch einmal eine neue sportliche Herausforderung anzugehen“, führte er in seiner Abschiedsbotschaft an die Fans aus. Für die Augsburg-Legende war im Sommer 2016 der letzte Zeitpunkt gekommen, eine letzte neue Herausforderung im Profifußball zu starten, schließlich war er schon 31.

Führungsspieler, Motivator und Unglücksrabe

„Tobias Werner verleiht unserem Kader durch seine Erfahrung weitere Stabilität. Daneben ist er sportlich und durch seine Mentalität ein absoluter Gewinn für den VfB, ein echter Teamplayer“, begründete der damalige VfB-Sportvorstand Jan Schindelmeiser die Verpflichtung. 127 Bundesliga-Partien bestritt er, trotzdem ging er in die 2. Bundesliga zum Absteiger nach Stuttgart, um den angeschlagenen Verein zurück mit seinem alten Trainer Jos Luhukay in die höchste Spielklasse zu führen.

Das Jahr 2016 sollte aber für den Flügelspieler weitergehen, wie es in Augsburg aufgehört hat, bescheiden. Man hatte sich so viel vorgenommen, bis Muskelbeschwerden und später ein Muskelbündelriss machten ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Er spielte nur 7 Spiele in jener Saison und musste sich in der darauffolgenden zum FC Nürnberg ausleihen lassen.

Beim Club blühte er nochmal richtig auf und durfte zumindest als Rotationsspieler in 28 Partien agieren und den 1. FCN zum Aufstieg führen, dazu wurde er zum Führungsspieler und Motivator. Nach der Saison wollten die Nürnberger einen festen Transfer forcieren, aber man konnte sich mit dem VfB nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigen. In der Profimannschaft hatte Werner allerdings auch keinen Platz mehr, da Luhukay gehen musste, somit musste er für die U23 in der Regionalliga spielen.

Es war spürbar, die Karriere geht langsam zu Ende, hinzu kommen regelmäßige Verletzungen und ein schwerer Schicksalsschlag. So entschied er sich im März 2019 für ein Karrierende. „Bereits in der Vorrunde hatte ich mehrfach körperliche Probleme. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer 100 Prozent geben will, aber das war leider nicht mehr möglich. Daher habe ich mich entschlossen, meine Karriere zu beenden und den Vertrag beim VfB vorzeitig aufzulösen“, teilte Werner mit. Nun ging es doch ziemlich schnell, vor ein paar Jahren noch Schlüsselspieler in Augsburg und dann plötzlich das Ende der Profikarriere beim VfB Stuttgart II.

Kurz nach jener Entscheidung begann er an einer Fernuni ein Studium für Sportmanagement und strebte nach einer anderen Rolle im Fußball.

Der Wechsel in eine andere Rolle

Ein paar Monate nach dem Aus als Fußballer entschied er sich für eine Rückkehr in die Fuggerstadt, allerdings als Trainee. Ein solches Programm dient insbesondere zur Sammlung von Erfahrung und zum Gewinn von Erkenntnissen, die man später im Berufsleben benötigt. Jenes Programm dauerte ein Jahr an, bevor er die Offerte von einem anderen Ex-Verein annahm.

12 Jahre nach dem Abschied als Spieler kehrte er nach Jena zurück, aber als Sportdirektor. „Als ich angekommen bin, haben alle hurra geschrien und sich gefreut“, erzählte der 37-Jährige über seinen Amtsantritt. Es war 2020 und Corona herrschte über die Welt und den Fußball, dazu kam die schwere sportliche Lage bei Carl-Zeiss und die schwere finanzielle Situation bei vielen Vereinen in der Regionalliga, trotzdem entschied sich Werner für seinen Ex-Verein. Zum Zeitpunkt der Übernahme war der Abstieg aus der 3. Liga eigentlich schon besiegelt und man konnte schon für die neue Saison in der 4. Liga planen.

Als Verein im oberen Amateurbereich muss man eigentlich ausschließlich mit ablösefreien Spielern arbeiten, so auch Jena, dadurch verbuchen alle Transfers von Werner keine Ablöse. In der darauffolgenden Saison konnte man auf Platz 4 abschließen, aber trotzdem sollte schnell der Aufstieg her: „Scheitern, das hieße, nicht nachhaltig gearbeitet zu haben, nicht alles für den Erfolg von Jena getan zu haben. Natürlich verbinde ich das Thema auch mit der Ligazugehörigkeit. Ich will Jena nicht in der Regionalliga übergeben. Mein Ziel ist es, Jena in die dritte Liga zu führen und dort auch zu etablieren, definitiv“, führte der damalige Sportdirektor der Jenaer aus. Aus diesen Versprechen wurde rückblickend nichts, man konnte zwar einige vielversprechende Spieler verpflichten, aber man enttäuschte erst in der Saison 21/22, nachdem man den Aufstieg und somit die Rückkehr in den Profifußball verpasst hatte, sowie in der darauffolgenden Saison, wo man zwar erst den Nicht-Abstieg ausrief, aber den Trainer trotzdem nach einer Negativ-Serie rauswirf. Die Verantwortung hierfür muss Werner tragen, deswegen wurde sein Rücktritt oft gefordert, aber trotz all dieser negativen Gesichtspunkte fand Jahn Regensburg mit dem Ex-Profi einen Nachfolger für Roger Stilz, wohlgemerkt mitten in der Spielzeit. Doch passt eigentlich Tobias Werner, der erst in die Heimat zurückkehrt, um dann das sinkende Schiff 2 Jahre später wieder zu verlassen, nach Regensburg?

Passt er zum SSV Jahn?

In Jena ist er an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert, konnte aber ein ambitioniertes und vielversprechendes Zukunftskonzept kreieren, dennoch muss und darf man nach dem Stilz-Abgang auch skeptisch sein. Der ehemalige Profifußballer ist als Sportdirektor eigentlich noch ein unbeschriebenes Blatt, hinterlässt beim FCC mehr oder weniger einen Trümmerhaufen und konnte sich noch nicht richtig auszeichnen, allerdings hat er die Verantwortlichen wohl mit seinen Vorstellungen, wie er den Fußball denkt und wie er den Jahn für die Zukunft rüsten will, überzeugt. Nun zurück zur Frage: Passt er denn zum Jahn? Es ist aktuell schwierig zu beantworten, da diese Verpflichtung ein Überraschungspaket darstellt. Rein charakterlich passt Werner in die Domstadt, aber ob er auch fachlich in Liga 2 gehört, bleibt abzuwarten.