Was wurde eigentlich aus Abdenour Amachaibou?

Abdenour Amachaibou war zwar nur zwei Jahre Spieler beim SSV Jahn Regensburg, es waren aber turbulente Jahre. Nachdem er im Sommer 2012 ablösefrei zu den Regensburgern gewechselt war, machte er beim Jahn den Abstieg aus der zweiten Liga mit und war Torgarant in der Drittligasaison 2013/14, ehe er den Verein verlassen hat. Was wurde aus dem Offensivspieler?

Nachwuchstorjäger in Dortmund

Amachaibou wurde 1987 im nordrhein-westfälischen Düren als Kind marokkanischer Eltern geboren. Nach Stationen bei Borussia Buer, Blau-Weiß Kerpen, Bayer Leverkusen und Alemannia Aachen fasste er Fuß im Nachwuchsleistungszentrum von Borussia Dortmund. Dort erzielte er in zwei Spielzeiten in der A-Jugend-Bundesliga 30 Tore in 46 Spielen. Auch lief „Abdi“, wie er meist genannt wird, in den DFB-Junioren-Nationalmannschaften von der U16 bis zur U19 auf (elf Spiele, fünf Tore), unter anderem an der Seite von Sami Khedira, Jerome Boateng und Dennis Aogo. Der Lohn: In der Saison 2006/07 war Amachaibou Teil des Profikaders des BVB unter dem damaligen Trainer Bert van Marwijk. Eingesetzt wurde er jedoch vornehmlich in der zweiten Mannschaft (Regionalliga, 17 Spiele, kein Tor).

Von Aachen in die erste israelische Liga

Wohl auch, um mehr Spielzeit auf höherem Niveau zu sammeln, wechselte Amachaibou zur Saison 2007/08 zum damaligen Zweitligisten Alemannia Aachen. Dort kam er jedoch nur in der zweiten Mannschaft zum Einsatz (17 Spiele, drei Tore). Noch dazu warf „Abdi“ in dieser Zeit eine schwere Sprunggelenkverletzung aus der Bahn. Durch einen Wechsel zu Fortuna Köln zur Saison 2008/09 hoffte er, wieder Fuß fassen zu können. Doch dort absolvierte der gläubige Moslem lediglich zwei Spiele. Anfang 2009 entschied sich Amachaibou deshalb zu einem Schnitt: Er wechselte zum israelischen Erstligisten Hapoel Ironi Kiryat Shmona. „Ich wollte wieder Profistatus haben“, erklärte der Deutsch-Marokkaner dies später. 

Neubeginn in Berlin

Nach dem Abstieg in die zweite israelische Liga zog es „Abdi“ wieder zurück nach Deutschland – und der Neuanfang gelang. Bei Türkiyemspor Berlin erzielte er in der Regionalliga Nord in 27 Einsätzen elf Tore. Dies blieb auch Klaus Augenthaler, dem damaligen Trainer der SpVgg Unterhaching aus der dritten Liga, nicht verborgen. Er holte Amachaibou zur Saison 2010/11 in den Münchner Vorort. Dort gelangen ihm in 52 Drittligaspielen 17 Tore und spielte unter anderem mit dem heutigen Augsburger Bundesligastürmer Florian Niederlechner zusammen. Für Haching waren es allerdings zwei unbefriedigende Jahre, in denen man jeweils kurz vor den Abstiegsrängen landete – während der Ligakonkurrent aus Regensburg 2012 völlig überraschend in der Relegation gegen Karlsruhe in die zweite Bundesliga aufstieg!

Die Zeit beim Jahn

Und genau dort, beim frischgebackenen Zweitligisten, landete Amachaibou schließlich im Sommer desselben Jahres. Der finanziell eigentlich nicht konkurrenzfähige Überraschungsaufsteiger war auf der Suche nach talentierten Spielern aus den unteren Ligen. „Amachaibou kann im Mittelfeld über die Flügel kommen oder als zweite Spitze spielen. Er ist technisch versiert, dribbelstark und dazu sehr torgefährlich“, sagte der damalige Jahn-Manager Franz Gerber zur Verpflichtung. Doch der Start begann wenig verheißungsvoll: Unter dem neuen Trainer Oscar Corrochano wurde „Abdi“ nach mangelhaften Trainingsleistungen für einige Wochen in die zweite Mannschaft versetzt, wie die „Mittelbayerische“ im Oktober 2012 berichtet. Mit zwei Toren aus zwei Spielen gegen Ingolstadt und Union Berlin meldete sich Amachaibou damals im November stark zurück, aber er konnte das Team nicht vor dem am Ende deutlichen Abstieg bewahren. Mit dem Jahn ging es zurück in die dritte Liga.

Foto: Gatzka

Führungsspieler in der dritten Liga

Nach dem Abstieg war Amachaibou einer der wenigen Spieler, die blieben. Mit dem neuen Trainer Thomas Stratos wollte der damals ebenfalls neu gekommene Geschäftsführer Christian Keller mit dem Jahn in der dritten Liga einen Neuanfang starten. Regensburg spielte eine solide Saison und landete mit 49 Punkten auf Rang elf. „Abdi“ glänzte als Führungsspieler und Offensivkraft: Mit elf Toren war er bester Torschütze vor Jimi Müller (sieben Tore) und Aias Aosman (sechs). Doch nach der Saison trennten sich die Wege. Ihm „wurde vom Verein mitgeteilt, dass man finanzielle Abstriche machen müsse und daher seine Bezüge nicht mehr aufrecht erhalten könne: Unter den aktuellen Bedingungen wird Amachaibous auslaufender Vertrag nicht verlängert“, heißt es in einem Bericht aus dieser Zeit. 

Seuchenzeit bei Preußen Münster

So landete „Abdi“ beim Drittligakonkurrenten Preußen Münster. An der dortigen Hammer Straße lief es für den vermeintlichen Top-Transfer überhaupt nicht. In der ersten Saison an neuer Wirkungsstätte gelang Amachaibou überhaupt kein Treffer. Auch Verletzungen wie ein Außenbandriss warfen ihn zurück, so dass er nach Saisonende ein Verkaufskandidat gewesen sein soll. Doch auch in der zweiten Saison bei Münster erzielte Amachaibou lediglich ein Tor. Aus dieser Zeit ist eine kuriose Episode kolportiert: „Abdi“ soll ausgerechnet vor dem Derby gegen Osnabrück während der Ansprache von Trainer Horst Steffen in der Kabine eingenickt sein. Auch wenn die Beteiligten sich nicht darüber äußerten, bestätigten Zeugen die Begebenheit. 

Gang in die vierte Liga

Nach den eher erfolglosen zwei Jahren in Münster plante der Verein nicht mehr mit Amachaibou. Zu Beginn der Saison 2016/17 wollte der Offensivmann dann ein neues Kapitel mit dem Wechsel zum hessischen Regionalligaaufsteiger SV Teutonia Watzenborn-Steinberg – heute heißt der Verein FC Gießen – beginnen. Laut „Gießener Allgemeine“ schlug „Abdi“ auch wegen einer Perspektive nach der Karriere Angebote aus der dritten Liga oder anderer Regionalligisten aus. Trotz seiner fünf Toren in elf Spielen konnte Watzenborn-Steinburg am Ende der Saison den Abstieg in die Oberliga nicht verhindern, auch weil ihr Schlüsselspieler nach November nur mehr zwei Spiele absolvieren konnte. In der Hessenliga lief es zwar dann besser, doch Watzenborn-Steinberg verpasste den erhofften Wiederaufstieg und wurde Vierter. Amachaibou erzielte acht Tore in 26 Spielen. 

Intermezzo bei den Kickers

Nach der Saison trennten sich die Wege von „Abdi“ und den Hessen und er wechselte zu den Stuttgarter Kickers, die gerade in die Oberliga Baden-Württemberg abgestürzt waren. „Amachaibou zeigte in der Vorrunde starke Leistungen und erzielte mehrmals die entscheidenden Treffer“, heißt es in einer Saisonrückschau. Und: „In der Rückrunde jedoch konnte er kaum noch überzeugen und spielte erst nach der Tunjic-Verletzung wieder eine Rolle.“ Die Kickers aus Stuttgart verpassten in dieser Saison auch den ersehnten sofortigen Wiederaufstieg aus der Fünftklassigkeit, in der sich bis heute befinden. Amachaibou bekam trotz sechs Toren in 29 Spielen am Ende der Saison 2018/19 keinen Vertrag mehr und musste die Kickers verlassen. Laut „Stuttgarter Zeitung“ war er „der teuerste Spieler“ des Kaders.

Austrudeln im Amateurfußball

Danach ist kein höherklassiger Verein des 35-Jährigen bekannt. Nach zweijähriger Pause kickt Amachaibou laut übereinstimmenden Angaben seit 2021 für den SC Elsdorf in der Nähe seines Heimatorts Düren. Mit dem Club gelang ihm offenbar vergangene Saison der Aufstieg von der Kreis- in die Bezirksliga. Dort steht der SC Gelsdorf nach sechs Spielen mit 13 Punkten auf Rang fünf.

Dem Jahnfan bleibt vor allem seine sehr gute Zeit in der Saison 2013/14 in Erinnerung, die bekanntlich angesichts der finanziellen Zwänge des SSV zu früh endete.

Befragt nach seiner wechselhaften Karriere, antwortete Amachaibou einmal: „Es hätte sicher besser laufen können, aber in diesem Geschäft gehört auch viel Glück dazu.“ Welches Glück? „Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. (…) Manchmal war ich als junger Spieler auch einfach zu ungeduldig“, sagte Amachaibou 2018. 

Von Flo1889fm