„Die Wette verändert mein Fansein“

Ein Gespräch mit dem Bündnis gegen Sportwetten-Werbung

Foto: Steindy, FC Admira Wacker vs. SV Mattersburg 2015-12-12 (174), CC BY-SA 3.0

Das ‚Bündnis gegen Sportwetten-Werbung‘ ist letzten Dienstag an die Öffentlichkeit getreten und hat seine neue Homepage www.bgsww.de vorgestellt. Der Jahnblog sprach mit Markus Sotirianos, einem der Organisatoren des Bündnisses. Er ist Fanvertreter des SV Darmstadt 98 und im Vorstand der bundesweiten Fanorganisation „Unsere Kurve“. Im Interview spricht er darüber, warum sich das Bündnis gegründet hat, welche Ziele es verfolgt und über die fragwürdige Verquickung der Vereine mit Sportwettanbietern.

Servus! Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit nimmst und uns ein paar Fragen beantwortest.
Du bist ja maßgeblich an der Organisation „Bündnis gegen Sportwetten-Werbung“ beteiligt. Was macht ihr beim „Bündnis gegen Sportwetten-Werbung“?

Wir haben im Bündnis verschiedene gesellschaftliche Akteur*innen miteinander verbunden, die die massive öffentliche Sichtbarkeit von Sportwetten-Werbung kritisieren: Fanorganisationen, Wissenschaft, Präventionsstellen, Suchthilfe, Selbsthilfe-Initiativen und betroffene Einzelpersonen. Der Austausch untereinander hilft dabei, die verschiedenen Aspekte zu beleuchten: Fans sind genervt von der Penetranz der Werbung, die Wissenschaft belegt durch Studien die negativen Auswirkungen für die Gesellschaft, Präventionsstellen und Suchthilfe können ihre Alltagserfahrungen schildern und Betroffene sind diejenigen, die am eigenen Leib die Auswirkungen erlebt haben oder erleben und Wege beschreiten, von der Sucht loszukommen oder mit ihr umzugehen. Menschen, die aktiv Spielmanipulation bekämpfen, berichten von den Tricks an der Schnittstelle zu Sportwetten.

Was sind eure langfristigen Ziele?

Wir möchten, dass Sportwetten-Werbung – analog zu anderen Ländern, in denen das bereits der Fall ist – weitestgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet. Nicht, weil wir Sportwetten an sich verbieten wollen, sondern weil die massive Werbung erst zu einer hohen Nachfrage führt. Sportwetten sind als Glücksspiel ein Suchtmittel und unterliegen Regelungen des Jugend- und Spielerschutzes. Es kann nicht sein, dass Minderjährige der Werbung ungefiltert ausgeliefert werden und auch noch so getan wird, als ob Fußball – mit all seinen positiven Werten für das gesellschaftliche Miteinander – und Sportwetten zusammengehören. Für die rechtlichen Rahmenbedingungen ist die Politik zuständig, aber auch Vereine und Verbände könnten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung eigenständig gerecht werden und freiwillig auf die massive Sichtbarmachung von Sportwettenanbietern verzichten. Zudem braucht es eine unabhängige Präventionsarbeit, die in gleicher Weise auf die Problematiken hinweist und nicht ein unglaubwürdiges Feigenblatt bleibt. Denn wenn ich einmal im Jahr meinen Nachwuchsspielern am Samstagnachmittag zwei Stunden lang erkläre, dass Sportwetten nicht so toll sind, am Abend im Top-Spiel der Bundesliga aber die Banden mit Werbung für Sportwettanbieter zugepflastert sind, passt das nicht zusammen.

Warum setzt du dich so intensiv für dieses Thema ein?

Weil sich der Fußball nicht dafür hergeben sollte, seine eigene Fanbasis an die Sportwetten-Industrie auszuliefern. Wir sind Fans, weil wir den Fußball lieben. Wenn ich Geld darauf setze, dass mein Verein 2:0 gewinnt, freue ich mich dann noch, wenn in der 93. Minute das 3:0 fällt? Die Wette verändert mein Fansein. Gerade Livewetten ziehen mich noch mehr ans Handy und weg von dem eigentlichen Fußball-Spiel. Und als Fan, der sich definitiv nicht an Sportwetten beteiligen möchte, kann ich mich der permanenten und penetranten Beschallung durch Werbung in allen Medien gar nicht entziehen. Das muss aufhören. Anders als bei anderen Suchtformen produziert die Sportwetten-Industrie keine greifbaren Dinge. Zigaretten kann ich kaufen, aber mehr als zehn Stück werde ich nicht gleichzeitig rauchen können. Dem Alkoholkonsum sind körperliche Grenzen gesetzt. Aber ich kann per Klick innerhalb von Sekunden extrem viel Geld verspielen. Davon profitiert die Industrie, denn wenn am Ende die Anbieter keinen Gewinn machen würden, gäbe es Sportwetten gar nicht. Vereine und Verbände machen sich zum Handlanger dieser Industrie.

Bist du Fußballfan?
Wenn ja, wie geht dein Verein mit Sportwetten(anbietern) um?

Klar bin ich Fußballfan. Seit ich sieben Jahre alt bin gehe ich zum SV Darmstadt 98, habe alle Tiefen und Höhen seit Mitte der 1980er Jahre erlebt. Seit über zehn Jahren bin ich dort ehrenamtlich aktiv und derzeit Abteilungsleiter der Fan- und Förderabteilung (FuFa). In Eurem Stadion habe ich schon im Gästefanblock gestanden und als Fanradio-Kommentator auf der Pressetribüne gesessen – Ihr liegt uns ja nicht wirklich zum Saisonstart… 😉 Ja, auch meine Lilien haben einen Sportwettanbieter als Sponsor, übrigens mindestens den dritten innerhalb der letzten Jahre. Daran sieht man auch, dass es hier nicht unbedingt um eine enge „Partnerschaft“ geht, sondern schlicht um die Zuführung von Finanzmitteln an den Verein und als Gegenleistung die Sichtbarmachung des Sportwettanbieters. Wie der nun genau heißt und was sein Profil ist, ist im Grunde egal. Wir haben halt irgendeinen, der zahlt. Innerhalb des Vereins gibt es allerdings durchaus einen guten Austausch mit den handelnden Personen. Bei ihnen haben wir auch hinterlegt, dass wir als FuFa die Zusammenarbeit mit einem Sportwettanbieter kritisch sehen. Dennoch hat man sich entschieden, erneut eine Kooperation einzugehen, allerdings wurde uns auch zugesichert, offen zu bleiben für weitere Diskussionen. Wir werden weiterhin versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn es wäre auch ein Alleinstellungsmerkmal, der erste Verein zu sein, der sich aktiv gegen Sportwetten-Werbung stellt.

Der Jahn hat zuletzt seine Partnerschaft mit Lotto verlängert. Sind solche Partnerschaften mit Werten wie Bodenständigkeit, Zusammenhalt und Familiarität vereinbar?

Es gibt das Argument zu sagen, dass Lotto – im Gegensatz zu den privaten Anbietern – wenigstens ein staatlicher Anbieter ist. Sicherlich fallen einige Auswüchse bei den staatlichen Anbietern weniger extrem aus als bei den privaten. Dennoch: Glücksspiel bleibt Glücksspiel. Und solange nicht adäquat auf die Risiken hingewiesen wird und solange Minderjährigen suggeriert wird, dass Wetten oder andere Glücksspiele ganz normal zur Freizeit gehören, ist auch diese Partnerschaft in unseren Augen problematisch. Über die Glücksspielsteuer profitieren allerdings auch die Bundesländer vom Glücksspiel, insofern dürfte klar sein, dass der politische Wille, daran etwas zu ändern, nicht sehr ausgeprägt ist. Noch nicht. Denn der Blick in andere Länder zeigt, dass sich die Politik den Argumenten auf lange Sicht nicht verschließen kann. Mit den genannten Werten hat eine Zusammenarbeit mit Lotto nichts zu tun, denn auch dort verlieren sehr, sehr viele Menschen Geld – in der wöchentlich millionenfach enttäuschten Hoffnung, tatsächlich der Mensch zu sein, der steinreich wird. Die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden ist höher…

Wenn kleine Vereine mit solchen Anbietern zusammenarbeiten, würdest du es dann als Größenwahn bezeichnen?

Ich würde das nicht Größenwahn nennen, sondern den Versuch, auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Der Kuchen wird aber von den Menschen gebacken, die Geld verlieren – und zwar massiv. Das sind im Wesentlichen Vielspieler und Süchtige, also Menschen, die die Kontrolle über ihr Glücksspielverhalten verloren haben. Denn wenn mit Sportwetten solch immense Beträge umgesetzt werden, mit entsprechend hohen Gewinnen für die Industrie: Von irgendwoher muss das Geld ja kommen. Als Fans kritisieren wir das „Rattenrennen“ nach immer mehr Geld und Einnahmesteigerungen. Wir fragen uns: Gibt es eine moralische Grenze? Nehmen Vereine einfach jedes Geld, das sie kriegen können? Wenn es eine Grenze gibt, wo liegt die dann? Das wird ja durchaus in Vereinen diskutiert, man erinnere sich nur an die Mitgliederversammlung von Bayern München, aber auch die Diskussionen zu Sponsorings bei Werder Bremen oder Schalke 04.

Sind Vereine auf das Geld solcher Sponsoren angewiesen?

Eigentlich nicht, aber offensichtlich doch. Wir sind überzeugt, dass sich ein gesellschaftlich verantwortliches Handeln mittelfristig für einen Verein viel mehr auszahlt als ein kurzfristiges reines „Mit-dem-Strom-Schwimmen“. Es ist die Frage, wie ein Verein auf seine Fans blickt: Sind es Kund*innen, die es zu monetarisieren gilt? Oder sind sie eine Ressource, aus der ein Verein in ganz vielen Bereichen des Lebens schöpfen kann und mit der er ein soziales Umfeld gestaltet? Mein Verein, der SV 98, lebt von ehrenamtlichem Engagement. Die Affinität, Leidenschaft, Hingabe und Identifikation, die wir hier erleben, kommt auch daher, dass wir ein Mitgliederverein sind, ohne ausgegliederte Profifußball-Abteilung. Wenn unser Verein mit Haltung vorangeht, steigert das die Identifikation. Und wenn ich mich stark mit etwas identifiziere, kaufe ich eher nochmal ein Trikot oder einen Schal für mich oder eine*n Freund*in, den*die ich mit ins Stadion nehmen will. Und auch über Haltung wird medial berichtet, insofern kann sich das auf anderer Ebene vielfach auszahlen.

Wenn nein, wieso gehen diese Vereine dann Sponsorings mit Anbietern von Glücksspiel ein?

Weil es derzeit alle machen und weil es offenbar auch bequem und finanziell lukrativ ist. Es profitieren ja alle: Vereine, Verbände, Medien, Dienstleister, die Politik. Nur diejenigen, die die Zeche zahlen sollen, halt nicht: diejenigen, die beim Wetten verlieren. Das sind als größte Zielgruppe wir Fans. Und da hört’s dann auf, denn was sollen Fans denn noch alles zahlen?

Welche Auswirkungen hat es, wenn bekannte Personen oder Organisationen für Sportwettenanbieter werben?

Bekannte Personen oder Organisationen haben immer Vorbildcharakter. Dieser Vorbildcharakter endet auch nicht mit dem Karriereende, weswegen wir nicht nachvollziehen können, warum Ex-Spieler überhaupt Werbung machen dürfen. Die Botschaft ist: Wenn ein Ex-Nationalspieler für einen Sportwettanbieter wirbt, kann das ja so schlimm nicht sein. Uns entsetzt, dass sich diese angesehenen Leute, die ihre Schäfchen mit Sicherheit im Trockenen haben, für diese Branche hergeben und meinen, auch noch dieses Geld mitnehmen zu müssen.

Wie sollte man als Fan auf solche Missstände reagieren?

Wer sich als erwachsener Mensch bewusst dafür entscheidet, eine Sportwette zu platzieren, soll das im rechtlich vorgesehenen Rahmen und mit aktivem Spielerschutz machen können. Dagegen ist ja nichts zu sagen, wir leben in einem liberalen Land. Wenn ich als Fan aber von der übermäßigen Werbung genervt bin und mich gar nicht an Sportwetten beteiligen möchte, aber dennoch von ihr „zugeballert“ werde, muss ich die Chance haben, mich davon auch abzugrenzen. Und wenn man als Mitglied in einem Verein diese Entwicklung für problematisch hält, kann man das ja auch deutlich kundtun, so wie wir es gerade tun.

Die Missstände fangen bei den Großen der Fußballwelt an, wann beginnt ein Umdenken bei den Verbänden oder Fernsehanstalten?

Das können wir nicht beantworten, aber wir können versuchen, Verbände, Vereine und Medien immer wieder mit unseren Argumenten zu konfrontieren. Die Wissenschaft, die Präventions-, Beratungs- und Selbsthilfestellen sind ja auf unserer Seite und auch die Entwicklungen in vielen europäischen Ländern gehen genau in diese Richtung. Im Endeffekt ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Braucht es nicht nur einen Spieltag gegen den Klimawandel, sondern auch einen gegen Sportwetten? Was muss der DFB oder die DFL in die Tat umsetzen, damit die Macht solcher Konzerne verringert wird?

Ein Aktionsspieltag gegen Glücksspielsucht und damit gegen Sportwetten ist eine sehr gute Idee. Wir wären sehr gespannt zu sehen, welche Vereine und welche Spieler sich daran aktiv beteiligen würden. Da DFB und DFL aber aktuell eng mit Sportwettanbietern verbunden sind, sind wir skeptisch, dass das in naher Zukunft von deren Seite aus organisiert wird. Aber Aktionsspieltage müssen ja nicht unbedingt von den Verbänden vorgegeben werden…

Stellen Wetten ein gesellschaftliches Problem dar?

Die negativen Auswirkungen von Sportwetten und Glücksspiel allgemein auf die Gesellschaft sind bekannt. Gerade weil Glücksspielsucht so unauffällig ist – man sieht nichts, man riecht nichts – betrifft Beschaffungskriminalität oder das Verspielen von Erspartem bis zu 15 Personen des privaten Umfelds. Schulden sind sogar vererbbar. Und die Suizidrate bei Glücksspieler*innen ist die höchste aller Suchtformen. Ja, da ist durchaus ein relevantes gesellschaftliches Problem, vor dem man die Augen nicht länger verschließen darf.

Geht die Politik fahrlässig mit diesem Thema um?

Die Politik profitiert, wie oben bereits erwähnt, finanziell durch die verschiedenen Glücksspielsteuern. Das scheint den klaren Blick auf die „Kollateralschäden“ zu vernebeln. Es entstehen hohe Kosten für die Allgemeinheit, damit sind nicht nur die Beratungs- und Behandlungskosten gemeint, es geht auch um Kosten, die durch Glücksspielen während der Arbeitszeit entstehen oder Gerichts- und JVA-Kosten bei der nicht selten vorkommenden Beschaffungskriminalität. Nicht berücksichtigt bei dieser Aufzählung sind die emotionalen Kosten, die durch Vertrauensverluste und Auseinanderbrechen von Familien entstehen. Man kann sich über den derzeit laxen Umgang der Politik mit diesem Themenfeld nur wundern.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast!
Sehr gerne, und vielen Dank für das Interesse!