Der Jahn verliert gegen St. Pauli: eine Analyse

Der Jahn verliert nach einer katastrophalen ersten Hälfte und einer Aufholjagd in der 2. Halbzeit gegen St. Pauli. Nach mehreren Fehlern der Jahnelf, nutzen die Kiezkicker diese eiskalt aus, obwohl man nach der Halbzeitpause noch eine Aufholjagd starten konnte, verpasst der SSV Jahn einen Punktgewinn gegen Pauli.

Die Aufstellungen:

SSV Jahn:

A. Meyer – Breitkreuz, Gimber (89. Caliskaner), Kennedy – Saller (46. Faber), Besuschkow, Boukhalfa (82. Beste), Guwara (88. Yildirim) – Shipnoski (46. D. Otto), Singh – Albers Trainer: Mersad Selimbegovic

Formation: 3-5-2 (bzw. in der 2. Halbzeit) 4-2-3-1

FC St. Pauli:

Vasilj – Zander, Ziereis (59. Dzwigala), Medic, Paqarada – Smith – Irvine, Hartel (81. Beifus) – Amenyido (57. Kyereh) – Burgstaller (81. Matanovic), Dittgen (81. Makienok) Trainer: Timo Schultz

Formation: 4-3-1-2

Die Ausgangslage:

Nach zuletzt sieben sieglosen Spielen ging der Jahn mit Vorfreude und Zuversicht in den Spieltag. Es war aber klar, dass der FC St. Pauli kein einfacher Gegner werden würde, obwohl der Aufstiegsaspirant zuletzt ebenfalls ins Straucheln geraten war. Für die Hamburger wäre ein Punktgewinn im Jahnstadion wichtig und man könnte ein Ausrufezeichen im Aufstiegskampf setzen und eventuell eine Serie starten. Der SSV will die „Frustration in Faszination und Motivation umwandeln“, nachdem man auf Schalke nach der Führung und einem guten Auftritt dennoch verloren hatte, saß der Frust bei den Fans und der Mannschaft tief. Eine weitere Niederlage wäre für Regensburg das endgültige Ankommen im Tabellenmittelfeld.

Foto: Gatzka

Die Analyse:

Die ersten 20 Minuten:
Foto: Gatzka

In der Anfangsphase war St. Pauli deutlich überlegen und der Jahn war sichtlich von der spielerischen Stärke in der Offensive des Gegners beeindruckt. Während die Gastgeber versuchten, mit schnellen langen Bällen auf die Flügel in das letzte Drittel der Hamburger zu gelangen, versuchten es die Gäste vorwiegend mit einem langsamen und ruhigen Spielaufbau, bis auf wenige spezielle Situationen. Die Flügelverteidiger der Jahnelf zeigten sich oft zu offensiv und die Formation war zu eng eingestellt, so ergaben sich Chancen für Pauli über die Außenbahnen anzugreifen. Aber auch Zander und Paqarada zeigten sich durchaus aktiv, allerdings zeigten sie ein cleveres defensives Umschaltspiel und ließen dem Jahn in dieser Phase meist keine Räume auf den Flügel. Dadurch, dass die Gäste es vorwiegend über viele Spielstationen versuchten, wurde das aggressive Pressing von Regensburg zu wiegend gefährlicher und schwieriger. Das Gegentor in Minute 7 folgte einer ähnlichen Situation, durch missglücktes Pressing und aktives nachschieben gab man Dittgen den Raum auf der Außenbahn. Der Stürmer erkannte den freien Paqarada und vollzog einen Seitenwechsel, dieser ist für seine gefährlichen Flanken gefürchtet. Der Ball aus dem Halbraum kommt in die Box, aufgrund des schlechten Luftzweikampfes durch Kennedy bekommt Amenyido die Chance und aufgrund der Spekulation von Meyer kann er einschieben und bringt die Führung für die Hanseaten. Diese Konter schienten ziemlich einstudiert und unterstrichen die Konteranfälligkeit der Regensburger. Damit hatten die Gäste allerdings noch nicht genug und konnten drei Minuten später einen ähnlichen Konter auffahren, erneut kann man mit vertikalen Pässen dem Pressing der Regensburger entkommen und über den Flügel einen Angriff starten. Dittgen leitete den Ball an einen zu spät kommenden Gimber vorbei und der schnelle Amenyido dringt in den Sechzehner ein, wo er von Alexander Meyer rüde gestoppt wird. Nicolas Winter zeigt auf den Punkt und gibt den klaren Elfmeter. Der selbstbewusste Guido Burgstaller schnappte sich den Ball und schob ohne Mühe den Ball in das rechte Eck. Die Kiezkicker erwischten einen Traumstart und trafen den Jahn an schwachen Stellen. Es war die Konteranfälligkeit, die Regensburg seit Spielen verfolgt, auch dieses Mal konnte man sie trotz taktischen Umstellungen nicht ausstellen. Nichtsdestotrotz hatte man Glück, denn Sankt Pauli hatte weiterhin Torchancen und die Domstädter hatten Glück nicht nach 15 Minuten noch weiter hinten zu legen. Auch beim nächsten Angriff stand Alex Meyer im Mittelpunkt, nachdem man erneut einen Konter gefangen hatte, kam Kennedy dem formstarken Maximilian Dittgen nicht hinterher, dieser lief auf den Torwart zu, welcher erneut willkürlich eine Grätsche ansetzte und den Stürmer nur sehr knapp verfehlte. Nach der Hereingabe konnte Burgstaller allerdings nur über das Tor schießen, erneut ein gravierender Fehler der Regensburger Nummer 1 beim Herauskommen. Trotz des Fehlstarts konnten die Hausherren den Ballbesitz mit 64 % führen und hatten mit 82 % auch eine deutlich bessere Passquote als der Gegner (69 %). Die Defizite wurden insbesondere bei der Ballbehauptung deutlich, in den ersten 20 Minuten verlor man 9-mal den Ball an Pauli, währenddessen diese nur 1-mal den Ballbesitz verloren.

Die 25 Minuten bis zur Pause:
Foto: Gatzka

Weiterhin lockten die Gäste den Jahn an und versuchten mit Ballgewinnen und schnellen Kontern ihren Erfolg einzufahren. Die Mannschaft von Selimbegovic zeigte sich weiterhin beeindruckt und wirkte ideenlos und teilweise hektisch. In dieser Phase wurde das Spiel zwar ausgeglichener und spielte sich jetzt hauptsächlich im Mittelfeld ab, trotzdem hatte der Tabellenführer die weitaus besseren Möglichkeiten. In Minute 32 hatte Pauli eine Doppelchance, nach einem Ballverlust durch den anfälligen Scott Kennedy steht der gefährliche Etienne Amenyido frei vor Meyer, dieser besserte aber seinen Fehler aus und zeigte eine gute Figur beim Herauskommen. Der Ball prallte daraufhin zur Irvine ab, dieser verfehlte allerdings das Tor. Steve Breitkreuz stand mit dem Schlagen eines Luftloches über den Ball hinweg sinnbildlich für den Jahn in der ersten Hälfte, wäre diese Lappalie mit einem Gegentor geendet hätte er wohl den Preis „Kacktor der Woche“ verliehen bekommen. In Minute 38 und 41 konnte der Torwart von Jahn Regensburg weitere Gegentore mit Paraden verhindern, trotzdem ist er wohl der „Unglücksrabe“ dieser Halbzeit. Kurz vor der Pause konnte Sapreet Singh mit einem Fernschuss Nikola Vasilj prüfen. Kurz vor dem Pausenpfiff kam es zum Konter für Pauli, der aber unsauber ausgespielt wurde und man somit auch die nächste Torchance auf eine vorzeitige Entscheidung vergab. In dieser Phase wurde auch der Jahn mit dem Ball aktiver, es wurden knapp 203 Pässe gespielt, allerdings hatte man Probleme bei der Erarbeitung von Chancen und nutzte den Ballbesitz meistens zur Beruhigung des Spiels. Zudem verloren beide Mannschaften häufig den Ball, was Angriffe häufig stoppte und Chancen verhinderte.

Fazit zur ersten Halbzeit:

Nach dem guten Auftritt auf Schalke und der Rückkehr bestimmter Schlüsselspieler war die Erwartungshaltung für das Heimspiel gegen St. Pauli nicht gering. Innerhalb von 15-Minuten wurden allerdings alle Hoffnungen zerstört. Nachdem man für dieses Spiel auf eine 3-er Kette umgestellt hatte, wurde man noch konteranfälliger und instabiler als zuvor, dazu kamen eine Reihe von individuellen Fehlern. Eine Leistungssteigerung sowie eine taktische Umstellung auf ein stabileres System waren in Halbzeit-2 erwartbar, dennoch galt dieses Spiel zu diesem Zeitpunkt als verloren. Der FC St. Pauli konnte trotz einer 2–0 Führung nicht zufrieden in die Pause gehen, aufgrund des Chancenwucher blieb eine vorzeitige Spielentscheidung aus. Trainer Timo Schultz wechselte für die 2. Halbzeit nicht, währenddessen Selimbegovic mit einem Doppelwechsel Faber und Otto für Saller und Shipnoski brachte.

Die 25 Minuten nach der Halbzeitpause:
Foto: Gatzka

Nachdem der Schiedsrichter die 2. Hälfte angepfiffen hatte und ein paar Minuten vergingen, schien das Kräfteverhältnis in etwa wie vor dem Pausentee. Allerdings brachten die neuen Kräfte neuen Schwung für den SSV Jahn und insbesondere im Angriff wirkte man jetzt spritziger und aktiver. In Minute 56 wurde erneut die Stärke von Regensburg bei Standardsituationen deutlich. Nachdem Vasilj erst einen Schuss durch Faber und dann bei der darauffolgenden Ecke einen Kopfball von Gimber brillant abgewehrt hatte, war er beim Kopfball von Albers machtlos. Es war erneut ein Tor welches aus einer Ecke resultierte, es ist eine wichtige Komponente in der ganzen Saison für den SSV. Singh brachte die Ecke von links in den Strafraum genau zu Besuschkow. Dieser schließt aus 14 Metern rechter Position ab. Albers hielt noch den Kopf in die Schussbahn und traf unhaltbar in das linke Eck. Es war ein erwartbares Tor für die Heimelf, nachdem man deutlich motivierter aus der Kabine kam als der Gegner. Die Partie scheint zu diesem Moment sehr ausgeglichen, dennoch droht das Spiel zu kippen, da der Jahn offensiv deutlich präsenter war als die Hamburger. Der Ballbesitz gehörte nur zu 44 % dem Tabellenführer und man wirkte überrascht von der deutlichen Leistungssteigerung der Jahnelf, deswegen wechselte Schultz in der 59. Spielminute Kyereh und Dzwigla kamen für Amenyido und Ziereis, beide wirkten vor der Auswechslung von der Rolle. In der 65. Minute hatte Singh die Chance zum Ausgleich. Nachdem Konrad Faber erneut zu viel Platz auf der rechten Seite hatte, bekam er den Ball einen Tick zu spät von Besuschkow, dennoch konnte er eine Flanke auf Sapreet Singh bringen. Dieser konnte den Kopfball nicht verwandeln, obwohl er nicht von den Verteidigern bedrängt wurde. Diese vergebene Möglichkeit sollte sich sofort rächen, nachdem keiner der Spieler in den Zweikampf gekommen war, wurde man sofort überrannt. Burgstaller bekommt von Irvine den Ball, dieser wurde nicht gepresst und konnte ungehindert den Ball weiterleiten. Der Stürmer erkannte den frischen Kyreh und spielte einen Steilpass auf den schnellen Zielspieler, dieser lässt Scott Kennedy mit einem Trick alt aussehen und schaltete mit einem Doppelpass zu Guido Burgstaller auch noch Breitkreuz und Meyer aus, dann schiebt der Ghanaer in das leere Tor ein. Aus einer Tormöglichkeit durch Regensburg wurde ein blitzschneller Konter des Gegners, erneut wurde man komplett überrascht und die Verteidigung war der gegnerischen Offensive deutlich unterlegen.

Die 20 Minuten bis zum Abpfiff:
Foto: Gatzka

Nachdem man erneut einen 2-Tore Rückstand hinnehmen musste wurde es im Jahnstadion für kurze Zeit still, dennoch drängte die Mannschaft weiterhin nach vorne und zeigte sich komplett unbeeindruckt. In der 74. Spielminute konnte der SSV Jahn dann erneut verkürzen. Alexander Meyer schlägt einen Freistoß aus der eigenen Hälfte hoch und weit nach vorne, Albers setzte sich gegen Dzwigala durch und verlängerte in den Lauf von Otto, der sich gegen Medic durchsetzen konnte und auch die Nerven vor dem Tor behält und Vasilj chancenlos ließ. Eine Minute später hätte die Hoffnung schon wieder zerstört werden können. Als Burgstaller plötzlich vor dem Tor von Meyer stand, doch der Torwart konnte mit einer Glanzparade seine Mannschaft vor einem Gegentor retten. Die Mannschaft von Mersad Selimbegovic wurde immer gefährlicher, man gab insgesamt in dieser Phase 14 (!) Schüsse ab während Pauli nur 2 abgab. Auch der Ballbesitz wurde erneut mit 72 % von der Jahnelf geführt, auch die Passquote war im Vergleich zur Gastmannschaft mit 84 % zu 61 % deutlich besser. Nachdem der Jahn erneut mit einem Fernschuss durch Besuschkow und zwei Ecken gefährlicher wurde, musste der Cheftrainer von Sankt Pauli erneut reagieren. In Minute 81 kamen Beifus, Makienok und Matanovic für Hartel, Dittgen und Burgstaller. Nun sollte einfach nur der Sieg nach Hause gebracht werden, insbesondere bei Ecken und Freistöße wurde es hektisch im Strafraum des Herbstmeisters. In der 83. und der 89. Minute ordnete der Regensburger Cheftrainer seine letzten Wechsel an, es kamen Beste, Yildirim und Caliskaner für Boukhalfa, Guwara und Gimber. Bei Angriffen gingen ab der letzten regulären Spielminute alle Spieler mit in den Strafraum von Vasilj, sogar Alex Meyer wagte Vorstöße. In der Nachspielzeit gab es zwar einige potenzielle gefährliche Situationen, aber Pauli konnte mit ihrer Taktik alle Bälle einfach hoch und weit wegzuschlagen alles abwehren. Dem Jahn ging für den Ausgleich einfach die Zeit aus und man konnte nach einer starken Schlussphase keine Punkte mitnehmen.

Entscheidende Szenen:

Nach einer Flanke durch Paqarada verfehlte Scott Kennedy den Ball und lässt Amenyido ungestört zum 0:1 einschieben.
Dittgen konnte den Steilpass ungestört zu Amenyido spielen, dieser konnte nur mit einem Foul durch Alexander Meyer gestoppt werden. Der nachfolgende Elfmeter durch Burgstaller führte zum 0:2.
Die Ecke durch Singh kam genau zu Besuschkow, dieser versuchte einen Schuss aus 14 Meter und Albers konnte entscheidend mit dem Kopf zum 1:2 in das Tor abfälschen.
Nach einer vergebenen Chance zum Ausgleich wurde der Jahn ausgekontert. Nachdem Irvine auf Burgstaller gespielt hatte, konnte dieser zu dem schnellen Kyereh weiterleiten, um dann mit einem erneuten Doppelpass die gesamte Abwehr auszuhebeln.
Nach einem langen Ball des Torwarts konnte Albers mit dem Kopf weiterleiten und Otto den Ball vorlegen. David Otto konnte sich durchsetzen und eiskalt zum 2:3 Anschlusstreffer einschieben.

Maximilian Aichinger